Rollenspiel mit den Kindern

Kürzlich war es endlich soweit: Ich habe für meine Kinder die erste Rollenspielrunde gemeistert. Der Große fragte schon lange, ob er nicht auch mal „Rollenspiel machen kann“. Schließlich bekommt er in regelmäßigen Abständen unsere Rollenspielrunden und Soloabenteuer mit.

Allein die Anzahl an Büchern, Würfeln und Illustrationen in unserem Wohnzimmer waren für die Kinder  immer schon sehr verlockend. Der Große hat mir kürzlich auch ein Shadowrun-Lesezeichen für meine Regelbücher gebastelt. Total süß von ihm!

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Eigentlich wollten wir in den Herbstferien, als wir alle Kinder (meine beiden Söhne plus die beiden Cousinen) in einem Ferienhaus versammelt hatten, das erste Abenteuer mit ihnen spielen. Leider ergab sich das nicht und unser Nachholtermin an Silvester fiel ebenfalls aus. Die Kinder waren total enttäuscht.

Worldbuilding mit den Kindern

Als ich Ende letztes Jahres den ausrangierten Wandkalender 2019 abnahm, sprang mir förmlich ins Auge, wie gut dessen Rückseite für die Karte einer eigenen Spielwelt geeignet war. So entschloss ich mich im Weihnachtsurlaub wirklich recht spontan zum Rollenspiel mit den Kindern. Ohne große Vorbereitung, Regelsystem oder Setting in der Hinterhand.

Um nicht ganz aus dem Nichts heraus zu kreieren, zeigte ich den Jungs die wunderschönen Illustrationen von Guillaume Tavernier, die als Inspiration dienen sollten. Doch die war gar nicht nötig, denn die Kinder erschufen völlig frei ein eigenes kleines Dorf mit allerhand interessanten Orten, die sie fleißig auf das große Blatt Papier malten. Ich stellte gezielt Nachfragen zu Namen und Motivationen der Dorfbewohner:innen, die ich mir für spätere Plotideen notierte. Die Karte wächst seitdem auch weiter. Bei jeder Spielrunde erfinden wir zusammen neue Orte, die die Kinder aufmalen.

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Wir haben mittlerweile ein unsichtbares Haus, in dem eine Karte zu einem Wunschkristall versteckt ist, einen Dunkelwald, in dem ein mysteriös zerstörter Baum steht, eine unheimliche Ruine sowie einen Magierturm mitten auf dem Dorfplatz. Eine Alchemistin braut heimlich explosive Tränke und der Magier hat einen bösen Bruder, der ebenfalls zaubern kann. Wölfe streifen durch die Wälder, Monster und weitere magische Gegenstände halten sich im Verborgenen.

Spielmechanik

Der Große ist sechseinhalb Jahre und wäre bereits in der Lage, simple Rechenaufgaben zu lösen oder Zahlenmengen zu unterscheiden. Der Kleine mit gerade mal vier Jahren aber noch nicht. Deshalb nutze ich für die Entscheidungsfindung Fudgewürfel. Das + bedeutet eine gelungene Aktion, das – eine gescheiterte und bei der leeren Würfelseite können die Jungs entscheiden, was passiert. Gerade letztere sorgen für viel Chaos und die Kinder sprengen damit regelmäßig meinen erdachten Plot (aber ich arbeite auch noch an mir, bzw. an angepassten Spielleiterinkompetenzen).

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Die Charaktere Tobin und Katrina

Wirklich begeistert bin ich von den Charakteren, die die Kinder verkörpern wollen. Aktuell sind bei ihnen eh Rollenspiele angesagt, bei denen sie als Superhelden, Schurken und Ninjas durch das Haus toben. Daher schlüpften sie auch für unsere Welt ohne zu zögern sofort in eine andere Rolle.

Der Große entschied sich für den Bauernjungen Tobin, der mit Tieren sprechen, gut klettern und kämpfen kann. Außerdem sollte er schlau sein. Mein Sohn zeichnete mit viel Liebe zum Detail Tobins Bauernhof am Rande des Dorfes. Der Kleine wollte das Orkmädchen Katrina spielen und blieb auch konsequent dabei. Ihre Vorgeschichte variierte zwar (er hat es auch noch nicht so mit Zeitangaben), allerdings sollte auch sie schlau sein und gut kämpfen können. Übrigens lebt sie in einem goldenen Baumhaus im Dunkelwald.

Die Kinder verkörpern ihre Charaktere so stringent, dass ich wirklich nachhaltig beeindruckt bin. Der Kleine ist ein leuchtendes Beispiel für völlig klischeefreies Crossgenderspiel. Er erfindet auch immer neue Details über sein Baumhaus. Der Große kümmert sich sehr verantwortungsvoll um die Tiere seines Bauernhofes. Er lässt seinen Charakter morgens nach dem Aufstehen als Erstes nach den Tieren sehen und versorgt sie zuverlässig (ich weiß ich gar nicht, wann er als absolutes Stadtkind das letzte Mal wirklich auf einem Bauernhof war…).

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Die Abenteuer

Zunächst ließ ich die Charaktere nur aufeinander treffen. Den Kindern reichte das schon. Ich streute Ereignisse ein und ließ die Kinder bei einer leeren Seite auf dem Fudgewürfel mit entscheiden, was passieren sollte.

Die Kinder sind mit richtig viel Begeisterung und Kreativität dabei. Ich allerdings bin nach ein bis zwei Stunden ein bisschen genervt von dem Gezappel, ihrem aufgeregtem Gehopse und den überkreativen (sprich chaotischen) Ereignissen, die die Kinder wild durcheinander rufen. Gut ist, dass wir immer wieder Pausen haben, während sie ihre Ideen auf die Karte malen können.

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So ganz raus habe ich den Dreh noch nicht, wie ich den Kinder sowohl freie Hand lassen und dabei trotzdem eine halbwegs konsistente Geschichte erzählen kann. Dafür werde ich mir noch Tipps von pädagogischen Fachmenschen holen, um Erzählrechte besser zu verteilen. Oder mir endlich den ganzen Bereich der freien Erzählrollenspiele zu Gemüte führen und von meiner klassischen Denke abrücken, wie Rollenspiel halt funktioniert.

Dennoch müssen sich alle an Regeln halten und gerade beim Rollenspiel mit den vielen sozialen Interaktionen sind einige wichtig, die (Kindergarten-)Kindern nicht leicht fallen. Warten und Zuhören zum Beispiel. Das müssen wir definitiv Üben! Zumal ich bei den Kindern auch Tagesform, Tageszeit und das generelle Aufmerksamkeitsmaß beachten muss.

Außerdem bin ich keine Pädagogin und als Mutter eher von der Sorte, die die Kinder nur anleitet und sich dann schnell aus dem Staub macht, sobald sie miteinander spielen. Einige Stunden mit ihnen zusammen an einer Sache zu sitzen und nicht dabei ständig mit ihnen zu motzen, muss ich auch üben.

Soloabenteuer mit dem Großen

Da der Kleine mit vier Jahren nun mal wirklich noch sehr klein ist und eine geringere Aufmerksamkeitsspanne als der Große hat, spielte ich mit dem Großen kürzlich eine Solorunde, die wirklich sehr gut funktionierte. Statt ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vor zu lesen, erzählte ich ihm eine.

Im Nachbardorf war Tobins Hilfe von Nöten, da ein Hühnerdieb sein Unwesen trieb. Zuerst eilte er zurück zum heimischen Bauernhof, um seine eigenen Hühner vor dem Dieb zu schützen. Dafür baute er sich eine beeindruckende Befestigungsanlage mit Rittern aus Metall. Er erklärte, sein Opa besaß früher einmal einen Schrottplatz und sein Vater habe die ganzen Metallteile in der Scheune auf ihrem Hof gelagert.

Fakten schaffen auf einem wirklich hohen Niveau, wie ich finde!

Schließlich baute er Fallen für den Dieb und fing am Ende einen Wolf (er wollte vorher unbedingt Wolfsspuren finden) mit dem er dann sprechen und ihn von weiteren Diebstählen abhalten konnte.

Was ich dazu lerne

Mal davon abgesehen, dass ich jetzt eine Beschäftigung gefunden habe, die sowohl mir als auch den Kindern Spaß macht (seien wir ehrlich, das gilt nicht für sooooo viele Dinge im Leben mit Kindern, zumindest ist die Schnittmenge eher gering), bin ich auch froh über diese Perspektive auf meine Söhne.

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Ihre Ideen und Einfälle finde ich richtig großartig. Der Kleine hat zum Beispiel im Baumhaus des bösen Magiers einen Zauberumhang entdeckt, dessen Zauberkraft er sich aussuchen durfte. Er wollte damit Gedanken lesen könne, um heraus zu finden, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Mit vier Jahren! Das fand ich schon einen erstaunlichen Einfall. Sie sind so kreativ, konzentriert und aufmerksam. Nach einem halben Tag Gemotze, weil sie trödeln, sich nicht anziehen wollen, übers Essen maulen, sich streiten, etc., also mir auch echt auf die Nerven gehen können, haben wir so ein bis zwei intensive und schöne Stunden zusammen.

Vor allem ist das etwas, das ich ihnen bieten kann. Während ich bei vielen anderen Muttiskills vielleicht eher so mittelmäßig talentiert bin und weder Basteln, noch Musizieren oder zum Kinderturnen gehen mag, noch die tausendste Runde Lotti Karotti spielen will, kann ich ihnen aber eine gute Spielleiterin sein. 

Außerdem erfahre ich Dinge über sie, die ich im Alltagsstress oft gar nicht mitkriege. Mein Sohn wollte unbedingt Wolfsspuren finden, weil Wölfe seine Lieblingstiere sind. Das wusste ich nicht. So werde ich ihm demnächst einen tierischen Gefährten in Form eines Wolfes zur Seite stellen. Und ich freue mich richtig auf die nächsten Abenteuer mit ihnen.

Es erschien übrigens schon ein Artikel über das Rollenspiel mit meinen Kindern, den ich als Gastautorin bei den PnPnews veröffentlichen durfte :)!

3 Gedanken zu “Rollenspiel mit den Kindern”

  1. Find ich klasse! Wir bekamen immer nur das Hütchenspiel o.ä vor die Nase geschoben, was die Fantasie nicht unbedingt beflügelt hat. Bin also beinahe etwas neidisch 😉 Freut mich aber, dass es bei den Kids Anklang findet.

    1. Danke :)!
      Ich habe in meiner Kindheit auch nur Monopoly oder Das Spiel des Lebens gespielt. Ohne die Eltern, die hatten gar keine Lust auf gemeinsame Spielrunden. Ich hoffe auch, dass das aus den Kindern nachhaltige Fantasyfans macht :-D.

      1. Das Nerd-Gen ist ziemlich hartnäckig, so zumindest lässt es sich vermuten, wenn man nach meinen Kids geht. Ich kann das nur begrüßen, zumal die Welt ohne Fantasie manchmal ein recht grauer Ort ist. Also nur weiter so, meinen Segen hast Du 🙂 Werd auch in Zukunft bei Dir vorbeisehen und beobachten, wie sich die Zukunft des Rollenspiels entwickelt. ^^

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