Cthulhu: Berge des Wahnsinns. Briefe aus dem Eis, Teil 1

Seit Mai 2021 spielen wir online die Kampagne “Berge des Wahnsinns” mit der 7. Edition Cthulhu. Manni ist der Spielleiter für Cassandra und drei weitere Mitspieler:innen. Diese Cthulhu-Kampagne soll eine der besten sein. Wir sind gespannt!

Der Rundenbericht wird in Form von Briefen, Notizen und Tagebucheinträgen aus der Sicht von Dr. Emma Whitlock geschrieben, Cassandras Cthulhu-Charakter in dieser Kampagne.

Emma stammt aus einer britischen Provinz und diente im Ersten Weltkrieg als Lazarettkrankenschwester in Flandern. Sie ging nach Arkham, studierte an der Miskatonic University Medizin und arbeitete als Ärztin im Arkhamer Krankenhaus. Dr. Whitlock begleitet die Starkweather-Moore-Antarctic-Epedition 1933 als Medizinerin.

  1. Eintrag: Brief an Emilia, Arkham am 23. August 1933

Es ist der Vorabend meiner Reise nach New York, von dort aus wird in drei Wochen die zweite Expedition in die Antarktis aufbrechen. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer über dem Bericht der letzten Expedition ins Ewige Eis und habe beschlossen, die kommenden Ereignisse zu dokumentieren. Um keine Lücken und Fragen wie unsere Vorgänger zu hinterlassen. Fragen, die einige der aktuellen Mitglieder dieses Unterfangens so quälen.

Unten, im Wohnzimmer, höre ich meine Tochter Emilia über ihre bevorstehende Verlobungsfeier reden. Sie spricht mit Tante Phoebe in dem Zimmer, in dem ich an einem Nachmittag Anfang des Jahres Professorin Moores Erzählungen lauschte, die von der vorherigen Expedition berichtete. Die Expedition, die ihr Mann anführte und der seitdem als verschollen gilt.

Als Fakultätsmitglied der Miskatonic-Universität kannte Professorin Moore viele Mitglieder der unglückseligen Miskatonic-Expedition 1930 auch persönlich recht gut. Mit Lake war sie verheiratet, mit Dyer befreundet, Atwood und Pabodie kannte sie aus der Fakultät, und von den Studenten hatte eine ganze Reihe (darunter Danforth und der verschollene Gedney) eine oder mehrere ihrer Vorlesungen besucht. Die Tragödie, die sie alle ereilt hat, geht ihr noch immer sehr nahe – immerhin hätte sie bei der ersten Expedition selbst auch dabei sein sollen und wurde an einer Teilnahme nur durch eine Lungenentzündung gehindert.

Während die Expedition unterwegs war, unterrichtete Moore weiter an der Universität. Sie las die Zeitungen, sie hörte die Funkmeldungen wie wir alle, und sie war von den Funden ebenso begeistert und fasziniert wie jedes andere Mitglied des Instituts. Mit ihrem Ehemann hatte sie über die Funkrelaisstationen Kontakt. Als die Tragödie sich ankündigte, war sie zutiefst beunruhigt; als der Tod der Lake-Gruppe bekannt gegeben wurde, trauerte sie. Und als der Rest der Expedition schwer ramponiert wieder in Boston einlief, stand sie am Hafen, um die Männer zu empfangen.

Professorin Moores Worte letzte Erzählungen klingen mir noch in den Ohren:

„Den jungen Danforth habe ich nur noch ein einziges Mal gesehen, als er vom Schiff kam. Da sah er ganz und gar nicht gut aus und kam auch gleich ins Krankenhaus. Völliger Zusammenbruch, hieß es. Ein ganzes Jahr lang war er da in dieser…Einrichtung, und dann ist er fortgelaufen. In der Prüfungszeit war das, da kam er dann wieder zur Uni und wollte nachts in den Geologietrakt einsteigen, als alles schon abgesperrt war. Der Nachtwächter hat ihn dann erwischt und vertrieben – und seither hat mir keiner mehr was Neues über ihn erzählen können.

Pabodie, Sherman, McTighe…“ Moore seufzte. “Lauter gute Leute, einer wie der andere. Aber als sie von der Fahrt zurückkamen, waren sie verändert. Ruhiger. Verdrießlicher. Über das Eis wollten sie nicht sprechen, und keiner wollte sagen, warum. 

Aus dem “Expeditionen” Cthulhu Quellenbuch

Am meisten Sorgen mache ich mich mir allerdings um William Dyer. Als er zurückkam, da war er so furchtbar anders! Früher war er ein guter Redner, Wissenschaftler mit Leib und Seele, wohl auch einer der beliebteren Dozenten. Er war… charismatisch nennt man das wohl. Aber nach der Reise war er kaum wiederzuerkennen.

Sein Humor war wie weggeblasen. Endlos ging er die Gänge auf und ab, Tag und Nacht, und ging dann wieder in sein Büro, um an dem Abschlussbericht weiterzuschreiben. Seine Arbeit wurde sehr in Mitleidenschaft gezogen, und seine Studenten auch. Er verlor Gewicht, und geschlafen hat er in dieser Zeit auch nicht viel, glaube ich. Seine Augen… er hatte denselben stumpfen, leeren Blick, wie man ihn manch mal bei Veteranen aus dem Großen Krieg zu sehen bekommt. Aber das war immer noch nicht alles.

Als sie zurückkamen, war es fast, als würde Dyer mich nicht mehr kennen. Er mied mich am Institut – rief nicht zurück, wenn man angerufen hatte – kam zu spät zu Versammlungen und vergaß vereinbarte Termine – und ich verstehe nicht, weshalb. Es war immer etwas um ihn, als müsse er sich schuldig fühlen, als trüge er irgendein furchtbares, frevelhaftes Geheimnis mit sich herum, unter dem er von Tag zu Tag sichtlich alterte. Und er war einer der wenigen, die mir sagen konnten, was mit meinem Percival geschehen war.

Einmal habe ich ihn direkt darauf angesprochen, als die Gelegenheit gut schien. Ich wollte wissen – helfen – aber er hat mich rund heraus abgewiesen. Eigentlich nicht einfach abgewiesen, sondern zurückgestoßen. Richtig gemein. Wirklich verletzend. Dass ich mir zu viel herausnähme, dass er wirklich keinen Bedarf an Menschen hätte, die ihm nichts als Scherereien bereiteten. Und dann hat er es noch gewagt, mich als törichtes Weib zu bezeichnen, das lieber um seinen Mann trauern sollte, als den Lebenden auf die Nerven zu gehen.

Ich sagte ihm, dass er auf diese Weise alle verletzen würde, nicht nur sich selbst; und er meinte, er würde ja weg sein, sobald er den Bericht abgeschlossen hätte. Und das war er dann auch. Schrieb sich für eine Grabungsexkursion nach Montana ein, dann eine nach Yucatan, dann noch eine oder zwei, und alle weit weg von zuhause.

Letzten Dezember hat er geschrieben und um unbefristeten Urlaub ersucht. Und seither haben wir hier nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Mir hat er noch eine kurze Postkarte aus Hawaii geschickt, im März. ‚Entschuldigung, es tut mir so leid‘, mehr stand nicht darauf.“

Moore blickte mir einen Augenblick lang suchend direkt ins Gesicht.

„Du siehst also, liebe Emma, ich muss herausfinden, was da unten passiert ist. Warum mein Percival nicht zurückgekehrt ist. Was Professor Dyer so tief verletzen konnte. Und kein lebender Mensch scheint es mir sagen zu können.“

Darum brechen wir bald auf, um nach den Toten zu sehen und Antworten von ihnen zu erhalten. Eine zweite Expedition in die Antarktis, dieses Mal unter der Flagge von Professorin Moore und der legendären Acacia Starkweather.

Bist du nicht auch neugierig, liebe Emilia, was vor drei Jahren im Ewigen Eis geschah? Ich weiß, du hast andere Dinge im Kopf als wissenschaftliche Erkenntnisse…

Unten höre ich dich lachen. Vermutlich hast du Tante Phoebe gerade von deinen gewagten Ideen der Verlobungsfeier erzählt und dich über ihr schockiertes Gesicht amüsiert. Oh, Emilia, du hast die Augen deines Vaters, wenn du scherzt. Sein Blick war ebenso immer voller Freude und Optimismus, egal, wie düster die bevorstehenden Ereignisse auch waren. Dieser Optimismus stach zwischen der Hoffnungslosigkeit der anderen Soldaten im Lazarett heraus und nahm mich sofort gefangen. Er war mein Rettungsanker, während ich die Verletzungen von der Front der anderen als Krankenschwester kaum zu heilen vermochte. Es gab wenig Linderung und noch weniger Hoffnung. Der Krieg lastete auf unser aller Schultern.

Aber dein Vater, Emilia, er war nicht so. Andrew sprach immerfort von der Zeit nach dem Krieg. Er redete von „unserem Zuhause“ und meinte damit Arkham. Andrew erzählte von seiner Tante Phoebe, die ihn wie einen Sohn aufzog und jeden Tag in dem großen stillen Haus auf seine Heimkehr wartete. Während die anderen Soldaten vor Kummer und Schmerz weinten, brachte mir Andrew eine farbenfrohe Zukunft und Blumen mit. Jeden Tag! Ich weiß bis heute nicht, woher er sie nahm, wenn er täglich mit einer neuen Lappalie ins Krankenzelt kam, um sich von mir versorgen zu lassen. Eine Beule am Kopf, ein blaues Auge, ein entzündeter Kratzer…mit einem fröhlichen Lachen im Gesicht und in der Hand frische Blumen. Ihr Duft überdeckte den Geruch von Blut und Tod, der überall in der Luft hing. 

Wie hätte ich mich da nicht in ihn verlieben können? 

Aber niemand konnte ihm widerstehen. Seine Kameraden scherzten oft, dass er sogar die Deutschen zum Aufgeben überreden könnte. Die Deutschen erschossen ihn trotzdem. 

“In Flandern Fields” ist eins der bekanntesten Gedichte über die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieg. Es wurde 1915 von dem kanadischen Lieutenant Colonel John McCrae für dessen Freund geschrieben, der in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern starb. Quelle: http://win2014.de/?p=390

Heute wächst auf den Schlachtfelder von Flandern roter Mohn. Ich habe in den letzten Jahren Bilder davon gesehen. Die Blumen, die er mir damals oft mitbrachte, zieren heute die Grabstellen der Gefallenen.       

Statt Andrew kam also ich nach Arkham, mit seinem Kind im Bauch und seinem Namen auf der Eheurkunde. Tante Phoebe war untröstlich. Bis du auf die Welt kamst, Emilia. 

In den letzten 17 Jahren gelang es mir nie, jenes Arkham durch Andrews Augen zu sehen, von denen er mir in Flandern so oft erzählte. Trotz Medizinstudium hier an der Miskatonic University und der anschließenden Arbeit im Krankenhaus blieb mir Arkham verschlossen. Sie machen mir den Abschied leicht.

Nur von dir kann ich mich schwer trennen, wenn ich morgen abreise, Emilia. Doch du bist eingehüllt in der Zuversicht einer romantischen Zukunft, die auch deinem Vater so zu eigen war und deren Ergebnis du bist. Eine Zuversicht, die deinen Vater aber auch nicht am Leben halten konnte…von Hoffnung und Liebe lebt es sich nicht allein.

Während ich jetzt noch im Warmen bei einer dampfenden Tasse Tee sitze und auf die alte Eiche mit der Schaukel im Garten blicke, scheint das Ewige Eis unglaublich weit fern. Ähnlich weit weg wie die lauen Sommertage, an denen du als kleines Kind dort unten spieltest. Wie dein Vater als Kind. Tante Phoebe wird nicht müde, davon zu erzählen. Und ich glaube auch, dass ihr diese Sommer mit dir den wahren Trost über Andrews Verlust bescherten.

Mir nicht. Ich hätte an jenen Tagen jeden friedvollen Moment in diesem verschlafenen Nest mit den blutigsten Kriegsschauplätzen Europas getauscht, wenn ich auch nur noch einen Augenblick mit deinem Vater hätte haben können.

Ich schreibe dir dies, Emilia, damit du verstehst, warum ich damals aus diesem Garten an die Universität zum Studieren und später zur Arbeit ins Krankenhaus floh. Warum ich auch jetzt gehe. Es lag niemals an dir, dass mich die Sehnsucht nach dem Verlorenen ins Unbekannte zieht. Du wirst aber der einzige Grund sein, weshalb ich aus dem Unbekannten auch wieder zurück nach Hause kommen will. In die Heimat deines Vaters, die nie zu meiner wurde.

Ich verliere mich schon wieder in nostalgischen Erinnerungen, dabei sollte ich mich auf den Bericht und die Fachbücher vor mir konzentrieren. Es sind Fachbücher über medizinische Versorgung unter klimatischen Extrembedingungen. Wie stillt man Blutungen bei Minus 30 Grad? An welcher Stelle amputiert man erfrorene Gliedmaßen? Ich kann nicht auf vieles zurückgreifen, aber ich hoffe, ich leiste mit meinen Notizen weitere Pionierinnenarbeit für jene, die nach uns kommen. Sollte ich die Gelegenheit erhalten, meine Notizen nach der Expedition systematisch aufzubereiten. Wenn nicht…nun ja.

Ich habe gehört, dass Edward Gedney auch dabei sein wird. Er verlor seinen Bruder George bei der ersten Expedition und ist wohl auch auf der Suche nach der Wahrheit über die Geschehnisse. Viele von uns werden also vom Vermächtnis der Verstorbenen begleitet. 

Aber du Emilia, du sollst das Leben feiern, auch wenn ich bei deiner Verlobung nicht dabei sein werde. Ich werde dann in New York auf die anderen Expeditionsteilnehmer treffen. 

Mein nächster Brief wird dich aus New York erreichen. Ich bin sehr gespannt auf die Menschen, für deren gesundheitliches Wohlergehen ich gemeinsam mit meinem Kollegen Dr. Richard Greene verantwortlich bin. Ich bin mir aber sicher, dass mir sehr viele besondere Persönlichkeiten auf dieser Reise begegnen werden.

Wir starten mit der “Berge des Wahnsinns”-Kampagne (hier zu erwerben)

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