Briefe aus dem Eis, Teil 4

Seit Mai 2021 spielen wir online die Kampagne “Berge des Wahnsinns” mit der 7. Edition Cthulhu. Manni ist der Spielleiter für Cassandra und drei weitere Mitspieler:innen. Diese Cthulhu-Kampagne soll eine der besten sein. Wir sind gespannt!

Der Rundenbericht wird in Form von Briefen, Notizen und Tagebucheinträgen aus der Sicht von Dr. Emma Whitlock geschrieben, Cassandras Cthulhu-Charakter in dieser Kampagne (hier ist der Link zum ersten Teil).

Emma stammt aus einer britischen Provinz und diente im Ersten Weltkrieg als Lazarettkrankenschwester in Flandern. Sie ging nach Arkham, studierte an der Miskatonic University Medizin und arbeitete als Ärztin im Arkhamer Krankenhaus. Dr. Whitlock begleitet die Starkweather-Moore-Antarctic-Expedition 1933 als Medizinerin.

4. Eintrag: Brief an Emilia, gesammelt an Bord

Liebe Emilia,

ich verfasse diese Zeilen an dich, während ich an Deck stehe und den Anblick in mich aufnehme. Ich bezweifle, ansonsten die richtigen Worte für das Wunderwerk der Ingenieurskunst zu finden, dessen ich hier Zeugin werden darf. Wir befahren gerade die Schleuse von Gatún im Panama-Kanal und niemand von uns kommt aus dem Staunen heraus. Es ist der 19. September und wir überwinden mit Hilfe von Dieselloks auf beiden Seiten der MS Gabrielle einen Unterschied von 15 Metern im Wasserspiegel durch die Schleuse. Das ist einfach fantastisch.

Dies entschädigt uns alle für den weiterhin unglücklichen Start der Seereise. Wir erfuhren am Morgen nach dem Brand, als ich den heldenhaften Mr. O’Neil im Krankenhaus besuchte und die anderen den Schaden des Feuers im Tageslicht an der Fracht begutachteten, dass Lexington noch in der Nacht mit der Tallahassee aufbrach. Diese Ratte! Während wir also noch die Flammen löschten und einige gerade den Kampf um ihr Leben verloren, läutete er bereits das Wettrennen zum Eis ein. Selbst wenn er nicht hinter der Sabotage steckt, beweist sein Handeln seinen unehrenhaften Charakter.

Nichtsdestotrotz machte sich mutige Aufbruchsstimmung unter uns breit, als wir den Hafen von New York schließlich doch verließen. Ein nagendes Gefühl der Unruhe, das mich dennoch dabei beschlich, möchte ich Dir nicht verschweigen. Was haben die Mitglieder der Miskatonic-Expedition bei ihrer Abfahrt gedacht? Ahnte jemand von ihnen die bevorstehenden Ereignisse beim Anblick der immer kleiner werdenden Freiheitsstatue?

Glücklicherweise konnte ich diesen Gedanken nicht weiter nachhängen, denn die See zeigte sich rau und mein Magen empfindlich. Aber nach einigen Tagen legte sich die Seekrankheit und wir konnten mit unserer praktischen Ausbildung an Bord beginnen. Wir lauschten einander in Vorträgen und übten die richtigen Handgriffe im Umgang mit der Ausrüstung. Aber besonders hervorzuheben ist wieder einmal Mr. Gedney. Sein Vortrag – wobei man seine Worte eher eine Rede nennen sollte, der ich mit Begeisterung beiwohnte – handelte davon, wie sehr wir aufeinander angewiesen seien und wie wichtig jeder Einzelne und jede Einzelne von uns sein würde. Er ist wirklich ein Mann mit Herz! Die Moral hob sich an diesem Tag spürbar, denn wir waren getragen von der Idee, bedeutsam zu sein.

Auf dem Äquator, irgendwo zwischen Isla Isabela und Equador, am 25. September 1933

Hast du schon einmal etwas von der Äquator- oder Neptuntaufe gehört? Sie ist ein Brauch unter Seeleuten, der Anwendung findet, wenn jemand an Bord zum ersten Mal den Äquator überquert. Davon gab es in unserer Expeditionsmannschaft schließlich viele. Wir wurden an Deck aufgestellt, es gab eine Ansprache vom Kapitän und im Anschluss wurden wir von der Mannschaft getauft. Mit Sekt! Es war wirklich ein lustiges Unterfangen, vor allem da es im Anschluss eine Feier in der Offiziersmesse für uns alle gab. 

Selten habe ich ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl erlebt. Zumindest außerhalb eines Lazaretts auf dem Schlachtfeld von Flandern. Einige aus der Expeditionscrew echauffierten sich natürlich auch ob des klebrig-nassen Vergnügens. Aber manche scheinen schlicht unempfänglich für Zusammenhalt zu sein… In ruhigeren Gewässern erlebten wir an Bord also all das, wovon Professorin Moore und Starkweather eingangs erzählten: wir lernten uns näher kennen und wurden Teil der Crew. 

Leider währte die glückliche Stimmung nur kurz, denn die Feierlaune wurde jäh unterbrochen, als einer der Stewarts einen technischen Defekt im Kühlraum meldete. Aus einem der Kühlaggregate entwich Ammoniak und der arme Teufel hatte das toxische Gas bereits eingeatmet. Wieder einmal war es an Miles, Helen und Ed, sich mit Gasmasken auszustatten und das Leck zu schließen, während ich dem Stewart beistand.

Ein beträchtlicher Teil der gekühlten Lebensmittel ist ungenießbar, unsere Vorräte müssen erneut aufgestockt werden. 

Du ahnst es bei meinen Zeilen vielleicht schon: wir sind nicht vom Pech verfolgt, denn auch dieses Mal war es eindeutig Sabotage. Jemand hat die Zuleitungen eines Kühlaggregates mit der früher verschwundenen Schwefelsäure verätzt. Wir haben den Saboteur also mit an Bord genommen! Trotz aufkeimenden Misstrauens fast allen gegenüber, war nun unsere dringlichste Aufgabe, die Person ausfindig zu machen, bevor sie weiteren Schaden anrichten kann.

29. September 1933

Emilia, der Schaden ist angerichtet. Dieses Mal unwiederbringlich. Wir erlebten gestern die schrecklichsten Stunden an Bord, von denen wir uns wohl nicht so leicht erholen werden. Vormittags wurde die See erneut rauer, wir sind mittlerweile zwar seefester, doch die Hunde, die unsere Schlitten durch den Schnee bringen sollen, waren außer sich.

Sie gebärdeten sich wie toll und griffen sich in den Transportkäfigen gegenseitig an. Ich versuchte, ein Tier zu betäuben, Ed und Miles sie mit Wasser auseinander zu treiben und die mutige Helen wäre am liebsten selbst in die Käfige gesprungen, um die Tiere davon abzuhalten, sich weiter zu zerfetzen. Wir waren wenig erfolgreich.

Am Ende blieb den Hundeführerinnen und -führern nichts anderes übrig, als viele ihrer geliebten Tiere zu erschießen, um wenigstens einige noch zu retten. Der Lärm des ohrenbetäubenden Gebells, das Schmerzgejaule der Tiere und die Schüsse, die durch den Frachtraum hallten, klingeln mir heute immer noch in den Ohren. 

Tatsächlich konnten wir die Ursache ausmachen: der Pemmikan, mit dem auch die Hunde gefüttert worden waren, wurde mit Strychnin versetzt. Die Hunde, die nicht davon fraßen, blieben verschont. Aber wir haben viele Tiere verloren. Der Saboteur scheint keine Hemmungen zu haben, auch direkt Leben zu gefährden, also werden wir unsere Nachforschungen nun verstärken.

Vielleicht sollten wir dabei ebenfalls vor Nichts zurückschrecken. Ich werde Dir weiter berichten.

Deine Mutter

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