Briefe aus dem Eis, Teil 5

Seit Mai 2021 spielen wir online die Kampagne “Berge des Wahnsinns” mit der 7. Edition Cthulhu. Manni ist der Spielleiter für Cassandra und drei weitere Mitspieler:innen. Diese Cthulhu-Kampagne soll eine der besten sein. Wir sind gespannt!

Der Rundenbericht wird in Form von Briefen, Notizen und Tagebucheinträgen aus der Sicht von Dr. Emma Whitlock geschrieben, Cassandras Cthulhu-Charakter in dieser Kampagne (hier ist der Link zum ersten Teil).

Emma stammt aus einer britischen Provinz und diente im Ersten Weltkrieg als Lazarettkrankenschwester in Flandern. Sie ging nach Arkham, studierte an der Miskatonic University Medizin und arbeitete als Ärztin im Arkhamer Krankenhaus. Dr. Whitlock begleitet die Starkweather-Moore-Antarctic-Expedition 1933 als Medizinerin.

5. Eintrag: Persönliche Notizen von Dr. Emma Whitlock, Südpazifischer Ozean, 10 Reisetage vor Melbourne, am 30. September 1933

Die kommenden Zeilen sind nicht für meine Tochter bestimmt. Sollten sie später gefunden werden und ich selbst keine Gelegenheit erhalten, sie zu vernichten, möge sie mir den Inhalt verzeihen. Ich muss aber meine Gedanken sortieren – so unvorzeigbar sie auch sein mögen!

Seit der Vollversammlung gestern, bei der uns Starkweather und Moore noch einschwörten, eben nicht mit voller Kraft gegen den Saboteur vorzugehen, waren wir uns eigentlich noch einig, genau dies zu tun. Es muss schließlich einer von der Schiffscrew oder aus dem Expeditionsteam sein, warum ihn nicht aus der Reserve locken und selbst aktiv werden?

Auch in Helen brannte die Wut über die Missetaten des Übeltäters. Zeigt sie sich sonst eher besonnen, wanderte sie gestern wild gestikulierend in unserer engen Kajüte auf und ab. Sie war aber schließlich bereits von Beginn an dem boshaften Tun des Saboteurs ausgeliefert und wäre durch seine Manipulationen am Flugzeug beinahe mit eben diesem in den Tod gestürzt. Sie wolle nicht weiter warten, bis er endlich Erfolg mit seinem Plan habe. 

Ich sicherte ihr meine Unterstützung zu – bei allem, was sie vorhabe – und ich glaubte, einen Hauch von Überraschung in ihren Augen zu sehen. Ich fürchte, ihre Meinung über mich würde sich rapide ändern, sollte sie diese Notizen lesen. Vermutlich hält man mich für zaghafter als ich bin.

Aber auch die Gentlemen unserer kleinen “Sondereinheit” zeigten einmal mehr, dass sie tatkräftige Männer sind. Ed schlug vor, uns offiziell als Ermittlungsbetraute zu nennen. Vielleicht würde uns das zur Zielscheibe des Saboteurs machen und er sich bei Schritten gegen uns enttarnen. Wir planten also jemanden heraus zu fordern, der vor Mord nicht zurückschreckt. Dies zeigt unsere Entschlossenheit…aber Starkweather und Moore wollten nicht zu viel Aufmerksamkeit auf uns lenken und wünschten von uns weiterhin Aktionen im Verborgenen. Zufrieden waren wir damit nicht, aber wir fügten uns. 

Wir erhielten den Schichtplan vom Ersten Offizier an Bord, Mr. Turlow, um nachzuvollziehen, wer überhaupt für die Sabotageakte in Frage käme. Dafür braucht es aber nicht nur Gelegenheit, sondern auch einen der Schlüssel zu den Frachträumen. Miles kombinierte die Schichtpläne und brachte seine vielen Notizen der letzten Wochen in Reihenfolge. Ed ging wie immer voran. Wir waren uns darin einig, auch entgegen des Wunsches der Expeditionsleitung zu tun, was immer nötig ist, um dem Saboteur keine erneute Gelegenheit zu bieten, uns auf unserer Reiser ins Eis aufzuhalten.

In der gleichen Nacht kontrollierten wir die weitere Fracht. Mit erschreckendem Ergebnis: Spanngurte waren von Säure zersetzt, die Funkgeräte zerstört, die Sauerstoffflaschen aufgedreht worden und in den Dieselstutzen der Motoren war Säure eingefüllt. Zum Glück bemerkte ich den viel zu hohen Sauerstoffgehalt im unteren Frachtraum, bevor wir zu tief hinabgestiegen waren und aus Versehen das explosive Gemisch hätten entzünden können. 

Aber alles davon wäre uns früher oder später zum eindeutigen Verhängnis geworden.

Schockiert ob der vielen weiteren Zerstörungen des Saboteurs gipfelten unsere Entdeckungen in dem garantiert tödlichen Finale seines Plans: eine selbstgebaute Bombe aus Benzinfässern, zwischen denen eine Sauerstoffflasche mit einem Schießpulverfass angebracht war!

Aber wir schlugen keinen Alarm, sondern legten uns auf die Lauer. Abwechselnd hielten wir in der eisigen Kälte des Frachtraums Wache. Ohne Licht, nur begleitet vom Wummern des Schiffsmotors und dem Schaukeln der Wellen.  

Und tatsächlich öffnete sich morgens, kurz nach sieben Uhr, die Tür und einer der Messestewards erschien. Er brachte eine Zündschnur an und wollte diese an der Tür anzünden, da schnellten Helen und Miles hervor, um ihn aufzuhalten. Sie verfolgten ihn bis ans Deck.

Das Gerangel mit ihm konnte ich nicht weiter verfolgen, da Ed und ich im Frachtraum zurückblieben, um sicher zu stellen, dass sich die Bombe doch nicht entzünden konnte. Doch oberhalb konnte der Saboteur mit Hilfe von Professor Meyers aufgehalten werden.

Wir kamen dem Saboteur und seinen Beweggründen endlich auf die Spur: sein Name ist Fritzi Kazmarek, der unter dem falschen Namen Adam Henning an Bord anheuerte. Fritzi und Adam waren als Bergführer für Starkweather in den Schweizer Alpen vor fünf Jahren engagiert worden. Starkweather, ambitioniert wie immer, schlug jeglichen Ratschlag der beiden in den Wind und verlangte dennoch den Aufstieg entlang einer besonders gefährlichen Route. Auf dieser Route verlor Adam letztlich sein Leben, während Fritzi seinen Absturz mit ansah. Die beiden verband mehr als nur das Seil, das Fritzi lösen musste, um nicht selbst in den Abgrund gerissen zu werden.

Ein unbekannter Drahtzieher spürte Fritzi auf und bot ihm Geld für die Möglichkeit, sich an Starkweather für den Tod Adams zu rächen. Selbst, wenn es sein eigenes Leben kosten solle. Seine Entschlossenheit war bemerkenswert und wurde durch Starkweathers Ignoranz nur noch befeuert. Wie konnte sie bei dem Namen “Adam Henning” auf der Crewliste nicht aufmerken? Wie egal kann ihr sein Tod und wie unbedeutend die fadenscheinige Entschuldigung zur Notwendigkeit der Opfer auf dem Weg großer Taten nur gewesen sein? Ihrer Taten. Nur ihrer.

Oh, wie kann ich ihn verstehen. Der Verlust der einzig wahren Liebe lässt einen blind werden gegenüber des Leidens von Anderen. Was wissen sie schließlich vom Schmerz, zurück gelassen zu sein. Ich möchte nicht gutheißen, was er tat, aber dennoch kann ich nicht mehr zornig auf ihn sein. Tief in meinem Inneren kann ich sogar seine Wut nachvollziehen, als Starkweather nicht einmal bei dem Namen aufmerkte, den er von seinem toten Geliebten annahm. Ein Name, der ihm die Welt bedeutet und der bei ihr keinerlei Erinnerung anregte.

Ich werde ihn wieder besuchen. Dafür werde ich natürlich Kapitän Vredenburgh um Erlaubnis bitten müssen, aber als Grund anführen, unter vier Augen mit ihm reden zu wollen. Natürlich um weitere Informationen über seinen Auftraggeber zu erhalten – ohne weitere anwesende Männer, die nur ihre Säbel wetzen und ohne Verständnis für seine Lage sind. Ed und Miles waren ihm gegenüber sehr aggressiv bei der Konfrontation.

Fritzi erwartet in Australien eine lange Zeit im Straflager. Was für eine quälende Aussicht für seine letzten Tage an Bord. Heute Abend bringe ich ihm Schlaftabletten mit, die ihm die Nacht erleichtern mögen. Und morgen Abend auch. Den Abend darauf ebenfalls. So lange, bis er genug beisammen hat, um seine Qual vielleicht auch endgültig zu beenden.

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